DR. PETER ZÜRN
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Einführung in die Geschichte und Praxis von ZEN-Philosophie und Meditation

© Peter Zürn

Unter dieser Überschrift stand eine mehrteilige Vorlesungsreihe an Bord der MS EUROPA - im Frühjahr 2003 auf Kreuzfahrt unterwegs von Hongkong nach Osaka und Kyoto. Damit folgte die Veranstaltung auch fast genau dem Weg, den die ZEN-Übung aus dem chinesischen Ch'an – nach den Ursprüngen von Dhyana, der Versenkung (Sanskrit) des Buddha in Indien – mit dem legendären Bodhidharma über China und Korea nach Japan genommen hat, wo sie heute noch in zahlreichen Tempeln, Klöstern und Laien-Gemeinschaften gepflegt wird.

Höhepunkt und Abschluß dieser ZEN-Veranstaltung war dann auch am 11. April der Besuch im Tofuku-ji in Kyoto, dem 1236 erbauten Haupt-Tempel des Rinzai-Zen, dem heute noch etwa 400 weitere Tempel dieser Richtung in ganz Japan unterstehen. Eingeladen dazu hatte – auf Vermittlung von Jeff Shore, Professor für Internationales ZEN an der Hanazono-Universität - Fukushima Keido Roshi (Jg. 1933), der Chef-Abt und ZEN-Meister des Tofukuji-Tempels. Mit ihm durften die 18 Besucher von Bord des Schiffes in einem mehrstündigen Programm Informationen und Eindrücke von authentisch gelebtem ZEN sammeln und einüben, wofür sein in langjährigen Vortragsreisen in den USA geübtes Englisch hilfreich war.

Insbesondere durften die Teilnehmer in der Großen Übungs-Halle, der zentralen Zen-Do, die sonst nur einmal im Jahr aus festlichem Anlaß geöffnet wird, für eine kurze Zeitspanne die Sitz-Meditation des Za-Zen auf Tatami und Sitz-Kissen üben. Nicht allen wollte die Haltung dazu gleich gut gelingen und so mußten die assistierenden Mönche über manchen staksigen Schneidersitz ebenso hinwegsehen wie über manchen nicht ganz gerade gestreckten Rücken – wobei immerhin ein Teilnehmer den vollen Lotus-Sitz beherrschte! Allen aber gelang doch für die angesagte Viertelstunde eine ruhige und konzentrierte Anfänger-Meditation, wozu auch der Kyosaku oder Warnstab in der Hand des beaufsichtigenden Mönchs ein übriges tat. Da man um die je zwei erleichternden Schläge auf Schulter-Rücken auch im gebückten Sitz bitten durfte, wurde diese konkrete Erfahrung von einigen Übenden tapfer genutzt und war weniger schmerzhaft, als es der klatschende Laut hätte vermuten lassen. Dabei machte einer der teilnehmenden Musiker nach drei Wochen Querflöte haltender Verspannung und schmerzhafter Blockade in Arm und Schulter die beglückende Erfahrung, daß der gut geführte Schlag wirklich schlagartig seine Verkrampfung löste: zusätzlicher Dank und Kompliment an Mönch und Stock!

Zurück auf den Tatami und Sitz-Kissen in der Empfangs-Halle, hatten die Mönche schon den bitter-grünen Tee bereitet, der die Lebensgeister trotz ungewohntem Sitz und Geschmack wach hielt für das weitere Gespräch. Als dann auch noch ein vegetarisches Fest-Mahl mit zahlreichen Speisefolgen samt Tee, Bier und Sake – dem warmen Reis-Wein - folgte, hätte es kaum der entschuldigenden Bemerkung des Roshi bedurft, daß diese Art von Mahlzeit nicht zum Alltag der Mönche gehöre - die inzwischen draußen vor der Halle die abgestellten Schuhe der Gäste schon wieder ordentlich in Reih' und Glied ausgerichtet hatten! Das Gespräch mit Fukushima Roshi - immer wieder hilfreich übersetzt von Jeff Shore – drehte sich um allgemeine Fragen und die Praxis der Zen-Übung im Kloster sowie auf seinen Reisen. Daß beispielsweise während der strengen Woche des "rohatsu-sesshin" die Mönche überhaupt nicht liegen und höchstens einmal im „Schlummersitz“ etwas schlafen dürfen, klang westlichen Ohren ungewöhnlich hart. Daß er auf seinen Reisen in die USA manchmal für den Dalai Lama gehalten werde, war seine Antwort auf eine un-zen-gemäße Frage zum Thema Tibet, und er fügte schmunzelnd hinzu, er sei aber nur der kleine Dalai Lama, neben dem echten, viel größeren! Und wie man den Fotos unschwer entnimmt, kann er dies mit seinen ca. 160 cm Körpergröße leicht sagen und meinen, denn seine geistige und menschliche Größe und Meisterschaft wird im Laufe des Dialogs ohnehin unabweisbar deutlich.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Tempel-Anlagen und ihre berühmten Gärten, wo außer unserer Gruppe um diese Zeit keine Besucher mehr zugelassen sind, empfängt uns die Gäste-Sitz-Halle zu Abschied und letztem Gespräch. Fast nebenbei wird dazu erwähnt, daß das südliche Tor, durch das wir herein kamen und wieder hinausgehen dürfen, das letzte Mal geöffnet wurde zum Besuch von Prinz Charles - eine wirklich große Ehre für uns! Dann im Vortrag und an der Wandtafel wird schließlich noch im Wortspiel aus der amerikanischen Erfahrung der Wandel des Begriffs erklärt von "no-where" zu "now-here" und der Roshi freut sich an der auch zen-gemäßen Übersetzung ins Deutsche von „Jetzt und Hier“. Als er schließlich die verbindende Brücken-Funktion der Zen-Übung in West und Ost erläutert, strahlt er selbst bis in seine Person hinein dieses Bild einer Brücke aus, die er in seinem Sein und Wirken darstellt. Nicht von ungefähr wird ihm dann unsererseits das Bild der 18 Teilnehmer als 18 Pfeiler einer neuen Brücke zwischen Japan und Deutschland oder Europa geboten, die er an diesem Nachmittag mit uns und durch uns gestaltet hat, wofür wir ihm auch in unserem beredten Schweigen unseren Dank absitzen. Als wir ihn schließlich in berührter Dankbarkeit verlassen, steht er noch bis zum Gehen des letzten Gastes lächelnd und leise winkend auf der Veranda - Bild gewordene Brückengestalt von eindrücklicher Größe und Menschlichkeit.

[März - April 2003 Einführung in die Geschichte und Praxis von ZEN-Philosophie und Meditation MS-Europa von Hongkong nach Osaka und Kyoto]


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