DR. PETER ZÜRN
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Unternehmenskultur und Wirtschaftsethik in Ost und West

© Peter Zürn

Im Gegensatz zur abendländisch-christlichen Kulter und ihrer Individual-Ethik hat sich in Japan, dem neuen Reich der Mitte, vor dem Hintergrund von Shintoismus, Zen-Buddhismus und Konfuzianismus wie auch aus jahrhundertelanger Isolation eine sehr stark gruppen- und gemeinschaftsorientierte Gesellschaftsform herausgebildet. Die Familie, der Betrieb, das Unternehmen, das Vaterland - jede Stufe der Gemeinschaft zählt mehr als der Einzelne, der sich ihr jeweils bedingungslos ein- und unterordnet und die ihn ebenso fraglos trägt und prägt. Ja, man könnte soweit gehen zu sagen, daß der Einzelne sein persönliches Selbstwertgefühl, seine Identität erst aus der jeweiligen Gruppe, aus der Zusammenheit mit Anderen gewinnt. Zwar gibt es auch in Japan Konkurrenz und Wettbewerb, aber niemals zwischen Einzelnen innerhalb einer Gruppe, sondern nur zwischen Gruppen oder beispielsweise Firmen oder Unternehmen.

Der Stolz des Einzelnen bezieht sich dann weder auf soziale Herkunft noch auf persönliche Leistung, sondern auf die Zugehörigkeit zu einer Institution von anerkannt hohem Rang, was zu einer Art von egoistischer Gruppenmentalität führt, womit der Einzelne jeder ethischen Abwägung enthoben ist und sich gleich dem früheren Samurai bedenkenlos in den Dienst der jeweiligen Gemeinschaft im Wettbewerb des Wirtschaftskriegs um die vorderen Plätze [ichi ryu] stellt.

Innerhalb der Gruppe oder Firma gibt es einen jeweils langwierigen Prozeß der Verständigung und Vorbereitung von Entscheidungen, als ringi-seido mit nemawashi und kimochi schon vielfach beschrieben, seit der westlicherseits gebannte Blick, die östliche Methodik von quality-circles, kaizen und ähnlichen Wunderwegen zu ergründen sucht.

Beim ringi-seido wird ein Projekt oder eine Entscheidungsvorlage in einem komplizierten und informellen Verfahren in Umlauf gebracht, wobei alle möglicherweise irgendwie betroffenen oder interessierten Stellen einbezogen sein müssen. Wenn auf diese Weise eine Vielzahl von Entscheidungsträgern und Multiplikatoren schon in den Vorgang der Meinungsfindung und Willensbildung einbezogen sind, besteht eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit für die schließlich auch in Übereinstimmung getroffene und getragene Entscheidung, die dann von der Gesamtheit ausgeführt wird.

Und nemawashi (oder das Pflanzen eines Baumes) bedeutet, daß die Entscheidung wirklich wie ein Wurzelwerk in all seinen Verästelungen bei allen Beteiligten implantiert sein muß, um daraus tragfähig und lebenskräftig die neue Aktion in Gemeinschaft erwachsen zu lassen. Daß es dazu der Abstimmung und Einstimmung in Dialogen, Gesprächen und Besprechungen vielfältigster Art innerhalb und außerhalb des Büros bedarf - wo man sich in gemeinsamen Abendveranstaltungen noch besser kennen und (ein)schätzen lernt - liegt auf der Hand.

Mit kimochi ist auch das Gefühl angesprochen, das zum Wohlbehagen des Einzelnen wie zum Wohlbefinden der Gruppe beiträgt. Solche Gefühle in Richtung auf einen schließlich allgemeinen Konsens zu fördern, ist Sache des japanischen Managers. Nicht Entscheidungen zu treffen, sondern die Voraussetzungen rationaler und emotionaler Art dafür zu schaffen, daß Entscheidungen aus der Übereinstimmung aller Beteiligten getroffen und dann vor allem uni sono durchgeführt werden können: das ist dort bevorzugte Aufgabe des Managements.

Ob es dazu hierzulande, mit den so völlig anders gearteten Voraussetzungen und Gewichtungen aus Geschichte und Gesellschaft überhaupt kommen könnte, sei dahingestellt. Nicht nur vor dem Hintergrund eines völlig anderen Denk- und Schreib-Wegs (mit bis zu 40.000 Kanji-Schriftzeichen) hat Kommunikation in Japan einen völlig anderen Stellenwert - insbesondere die indirekte persönliche Kommunikation, die jeder Art von Briefen oder Rundschreiben vorgezogen wird. Für den Japaner ist es dazu wichtig, bei seinem Gegenüber auch aus Haltung, Mimik und Gestik zwischen den Worten zu lesen - während wir nur zu hören gewohnt sind, was ausdrücklich gesagt wird - wenn überhaupt! Die non-verbale Kommunikation hat demgemäß in Japan einen besonders hohen Stellenwert, wo gar die schweigende Verständigung nach wie vor als die höchstmögliche Stufe der Kommunikation zwischenmenschlicher Beziehung gilt.

Den Menschen oder Mitarbeiter, der solchermaßen in Japan mehr aus seinen zwischenmenschlichen Beziehungen lebt als aus höchstpersönlichen Wünschen und Ambitionen, nennt Prof. Eschun Hamagushi [in seinem Buch Unternehmensstruktur und Kultur] einen Kontextuellen im Gegensatz zum Individuellen oder Individualisten westlicher Prägung. Im Anschluß an den japanischen Psychiater Kimura beschreibt er den Kontextuellen als einen Menschen zwischen Menschen - untrennbar verbunden mit und existierend aus seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Dies ist der Mensch als Beziehungssubjekt, der sich seiner selbst nur im Zusammenhang mit anderen, nur aus und innerhalb seiner Beziehungen bewußt wird. Der so geprägte, kontextuelle Mensch bezieht die zwischenmenschliche Sphäre als ein notwendigerweise dazugehörendes Gebiet in seinen persönlichen Lebensraum mit ein und entdeckt und entwickelt seine eigene Identität, seine persönliche Individualität erst aus und in der interpersonalen, gelebten Realität seiner zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wenn auch im Gefolge einiger Bestechungsskandale in neuerer Zeit die kollektive Ethik in Politik und Wirtschaft in Japan etwas in Zweifel geraten ist, so gab und gibt es doch in der Tradition der ritterlichen Samurai einen anerkannten Ehrenkodex für den korrekten Umgang gerade auch unter Kaufleuten und Unternehmern. Begründet wurde diese Ethik des japanischen Kapitalismus schon lange vor Max Weber von dem als Samurai geborenen späteren Laien-Zen-Meister Shosan Suzuki (1579-1655).

Während man im Japan jener Zeit noch dazu neigte, den Stand der Kaufleute gering zu achten, wies ihm Shosan Suzuki die lebenswichtige Funktion zu, mit dem freien Zugang zu Waren allenthalben die Freiheit im ganzen Land zu fördern. In einem seiner Werke [Shimin nichiyo - Das alltägliche Leben für die vier Klassen] gibt Shosan Suzuki dem Kaufmann folgenden Rat: "Ein egoistischer Mensch, der nur sein eigenes Interesse sieht und zum Schaden anderer übergroßen Profit schindet, der lädt den Fluch des Himmels auf sich und stürzt sich selbst ins Elend ... Laß ab von den weltlichen Interessen und gehe deinen Geschäften ohne Profitgier nach, dann wird der Himmel dich beschützen und die Götter werden dich segnen. Der Wohlstand wird sich einstellen, aber du wirst es verachten, nur ein reicher Mann zu sein."

Geld, Gewinn und Wohlstand sind also durchaus nicht zu verachten, wenn in der richtigen, ehrenwerten Weise erlangt und vor allem auch zum Wohle des Unternehmens und der Gesellschaft wieder verwendet - "wenn das Herz des Menschen und die Gesellschaft mit der natürlichen kosmischen Ordnung in Einklang stehen." Dafür steht auch die Weisheit jenes alten Spruchs aus einer Zen-Koan-Sammlung, der da lautet: Auch der Heilige liebt Geld - aber es gibt einen Weg! Dieser Weg [do] im Sinne der durchaus religiös fundierten Übungs-Weg-Kultur [ken-do, kyu-do, aiki-do, etc] muß also auch der Weg des ehrenwerten Kaufmanns sein, der seine Geschäfte in der Welt der Wirtschaft in Übereinstimmung mit den Prinzipien religiös-kultureller Übungspraxis betreibt, wodurch der erlangte Gewinn selbst gereinigt und geheiligt werden kann.

Die gedankliche Nähe zu Max Webers späterer protestantischer Ethik ist unverkennbar, wo ebenfalls die Sorge zum Ausdruck kommt, daß das Erwerbsstreben seines religiös-ethischen Sinnes entkleidet würde: "Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden oder aber - wenn keines von beiden - mechanisierte Versteinerung steht, verbrämt mit einer Art von krampfhaftem Sichwichtignehmen." Ein durchaus prophetisches Bild, in dem sich so mancher verantwortungslose Verantwortliche neuerer Zeit wiederfinden dürfte - wenn er denn noch bereit wäre, in einen solchen Spiegel der Selbstbild-Korrektur zu schauen.

Wie man von der weitverbreiteten Sicht und Sucht, sich selbst wichtig zu nehmen, geheilt werden kann, berichtet andererseits im christlichen Umfeld die Legende über den seinerzeitigen, liebenswerten katholischen Oberhirten und Papst Johannes XXIII. Als er seinerzeit in Konklave vergeblich die Wahl zum Papst abzuwehren suchte, sei in der Nacht vor dem entscheidenden Wahlgang ein Engel an sein Bett getreten und habe zu ihm gesagt: "Aber Giovanni - nimm dich selbst doch nicht so wichtig" - woraufhin er die Wahl anderntags in Demut und Bescheidenheit angenommen habe.


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