DR. PETER ZÜRN
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Die zehn Ochsenbilder -
Die Lehre der Zen Meditation
in Bildern und Geschichte(n)

© Peter Zürn

Als Grundlage dienen die zehn Holzdruck-Bilder des zeitgenössischen Künstlers Tomi-kichiro Tokuriki aus Kyoto. Die ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert stammende Bildfolge dient zur allegorischen Darstellung der Lehre des Zen-Weges: Der Hirte des Ochsen als Symbol des Suchenden und der gesuchte und später gefundene und gezähmte Ochse als Symbol unserer inneren wahren Natur. Die Bilder zeigen den typischen Prozess von einer anfänglichen spirituellen Sehnsucht, der darauf folgenden Suche, der damit verbundenen spirituellen Praxis und dem allmählichen Näherkommen zu unserer innewohnenden "Buddha-Natur."

1. Die Suche nach dem Ochsen
"Berg, Fluß, Gras, Baum -
alle Dinge haben Buddha-Natur",
so heißt es in einem alten ZEN-Wort, das oft als "Tusch-Spur" von Zen-Meistern aufgezeichnet wird. Und natürlich gilt dies erst recht für den suchenden Menschen, hier dargestellt als Hirte mit einer Peitsche, inmitten der (Buddha-)Natur.

2. Das Finden der Ochsenspur
Hier ist der Hirte dem Ochsen, also seinem eigenen Herz-Geist oder Wesen, auf die Spur gekommen, das es schließlich als Ziel aller Suche oder (ZEN-)Übung in der "Selbst-Wesens-Schau" von Kensho oder Satori im Bewußtseinszustand der Erleuchtung als Erwachter zu erkennen gilt.

3. Das Finden des Ochsen
Nun wird der Ochse selbst zum ersten Mal sichtbar, - wenn auch nur halb und von hinten, scheinbar schon wieder auf der Flucht, was der Hirte mit Seil und Peitsche in der Hand aber offenbar gelassen mit anschaut: ist er doch nun erstmalig, wenn auch nur flüchtig und teilweise, seines eigenen Wesens gewahr geworden.

4. Das Fangen des Ochsen
Seil und Peitsche, die Hilfsmittel des Hirten, müssen jetzt im Kampf mit dem noch unwilligen Ochsen im eigenen Herzen in Aktion treten. Nach dem ersten Aufblitzen einer Art von Anfangserleuchtung im dritten Bild gilt es, diese im unablässigen Üben (des Za-Zen) dauerhaft zu gewinnen: Gyo-Ju-Za-Ga - "im Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen" - in jeder Haltung und Tätigkeit von Körper und Geist soll sich die anfängliche Erfahrung zeigen und festigen.

5. Die Zähmung des Ochsen
Hier geht der Ochse geduldig und locker am Seil des Hirten, nicht mehr mut- oder flucht-willig. Im Seil der Verbindung, mit dem Halfter des Vertrauens, das Geist-Ochsen und Hirten-Menschen vereint, ist der Mensch erstmalig in Ruhe eins mit seinem bislang eher stürmischen Wesen und damit unterwegs zur endgültigen Einheit, zum Erwachtsein des inneren Geistes auch im äußeren Selbst.

6. Die Heimkehr auf dem Rücken des Ochsen
Mit sich und der Welt im Reinen und Einen, gelassen und gelöst, so läßt sich der Mensch vom gebändigten Ochsen des Herz-Geistes seines wahren und erwachten Wesens tragen. Langsam und friedvoll trabt der Ochse dahin, ungeführt und ungestört auf dem weglosen Weg zurück in die ortlose Heimat, nach der er gelegentlich den Kopf wendet. Und das Lied aus der Flöte des Hirten ist Singen und Tanzen und Stimme der Wahrheit.

7. Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt
Nun sitzt der Hirte - heimgekehrt - allein und ohne sichtbaren Grund vor seiner Hütte. Peitsche und Zügel wie alle Hilfsmittel auf dem Weg (upaya) sind überflüssig geworden und deshalb in der Hütte abgelegt, wo die Heimat des uranfänglichen Wesens der Wahrheit wieder erreicht ist. Der Ochse, jenes beginnende Erwacht-Sein des eigenen Selbst, ist verschwunden und vergessen in der Selbst-Erwachtheit des Menschen. Und der volle Mond der unendlichen Weisheit spiegelt sich ungetrübt im Herzsaal seines neuen und doch uranfänglichen Wesens.

8. Die vollkommene Vergessenheit von Ochs und Hirte
Nun ist auch der Hirte verschwunden. Was bleibt ist der leere Kreis, der Raum bietet für Alles und Nichts - und damit auch für die "Fülle des Nichts". Dieser Kreis (enso) ist das Bild für den Grund der geistigen Vollendung, wie der volle Mond das Bild der vollkommenen Wahrheit und Weisheit darstellt, unerschöpflich gespiegelt im klaren Wasser, das sein Bild enthält, ohne es je halten zu wollen.

9. Zurückgekehrt in den Grund und Ursprung
Nach dem Durchbruch im achten Bild, dem Durchgang durch das Nichts des leeren Kreises, bleiben Ochs und Hirte verschwunden, - vereint in der Unsichtbarbeit der Allgegenwart des uranfänglichen Wesens des Herz-Geistes. Nun sind Berge wieder Berge, der Fluß ist der Fluß und der Vogel singt: (Buddha-)Natur pur, ähnlich dem ersten Bild der Ochsengeschichte. Nun aber sieht der Mensch sie anders, obwohl sie gar nicht anders ist. Mit den Augen des Erwachten sieht er sie erstmalig so, wie sie wirklich ist und in ihrer wahren Soheit immer war und weiter sein wird.

10. Das Hereinkommen auf den Markt mit offenen Händen
In diesem zehnten und letzten Bild der Geschichte ist menschliches Leben wieder in die vom Nichts des Kreises umschlossenen Natur ein- und zurückgekehrt. Der fröhliche Greis mit dem dicken Bauch (Bu-dai oder Hotei) mit dem Wein-Kürbis trifft den (nächsten) jungen Hirten mit seinem gefangenen Fisch: Symbol für Essen und Trinken in Gemeinschaft. Gemäß dem Gelübde des Bodhisattva, "alle lebenden Wesen zu erretten", kommt der Greis zurück in die Alltags-Welt menschlicher Begegnung, um die anderen teilhaben zu lassen an seinem Erleuchtungswesen. Dazu bedarf es keiner Aktivität im Besonderen (Mu-shi) außer der Wirkung an sich des Bodhisattva als einem Erleuchteten, der in sich selbst und seinem Herz-Geist die Bezeugung der Wahrheit zur Vollendung kommen ließ und sie nun mit anderen teilt.


[Januar - September/Oktober 2003 The 10 Oxherding Pictures - Die zehn Ochsenbilder Orissa - Köln/Bingen]


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